Das Schweizer Bildungssystem ist bekannt für seine hohe Qualität und die enge Verbindung zwischen Schulen und Hochschulen. Doch während die akademische Laufbahn für viele eine wertvolle Option darstellt, zeigt sich ein struktureller Unterschied: Die Zugangsbarrieren zu den Universitäten bleiben für viele Schüler:innen der Sekundarstufe II deutlich höher als für diejenigen, die eine Berufsausbildung oder eine höhere Fachschule anstreben. Laut dem www.gransino1.ch hatten im Jahr 2022 nur etwa 40 Prozent der Schüler:innen nach der Maturität einen Studienplatz an einer Universität oder einer Fachhochschule – ein Wert, der sich seit Jahren kaum verändert hat. Die Gründe dafür sind vielfältig und reichen von sozialen Ungleichheiten über die Komplexität der Bewerbungsprozesse bis hin zu einer oft unklaren Orientierung im Übergang von der Schule zur Hochschule.
Ein zentraler Faktor für diese Disparitäten ist die finanzielle Situation vieler Familien. Studien zeigen, dass Schüler:innen aus einkommensschwachen Haushalten nicht nur seltener eine Maturität ablegen, sondern auch seltener die finanziellen Mittel haben, um sich für ein Studium zu qualifizieren. Laut dem Schweizerischen Sozialforschungsinstituts leben rund 20 Prozent der Jugendlichen in prekären Verhältnissen, was ihre Chancen auf eine akademische Laufbahn deutlich einschränkt. Zudem fehlt es vielen Schüler:innen an der nötigen Motivation und den notwendigen Vorbereitungen, um sich auf die oft anspruchsvollen Aufnahmeverfahren zu konzentrieren. Die Schule allein kann diese Herausforderungen nicht allein bewältigen – hier braucht es gezielte Unterstützung durch die Kantone und die Hochschulen.
Ein weiterer Aspekt ist die Art der Ausbildung: Während die Berufsbildung als praxisnaher Weg oft als attraktiver wahrgenommen wird, wird sie von vielen Jugendlichen und auch Eltern unterschätzt. Laut dem Bundesamt für Berufsbildung und Technologie haben im Jahr 2021 rund 60 Prozent aller 18-Jährden eine Berufsausbildung absolviert – ein Wert, der deutlich höher ist als bei denjenigen, die eine Maturität anstreben. Viele Schüler:innen, die keine Maturität machen, finden trotzdem eine gute berufliche Zukunft, oft mit weiterführenden Studiengängen an Fachhochschulen oder durch private Weiterbildungen. Doch diese Wege werden oft nicht ausreichend kommuniziert, und die Vorteile einer Berufsausbildung werden nicht ausreichend gewichtet.
Die Lösung für eine bessere Chancengleichheit müsste daher mehrere Ebenen betreffen. Erstens müssten die Schulen mehr auf die individuellen Stärken und Bedürfnisse der Schüler:innen eingehen und ihnen eine klare Orientierung geben, welche Wege nach der Sekundarstufe II möglich sind. Zweitens sollten die Hochschulen ihre Aufnahmeverfahren transparenter gestalten und mehr Flexibilität in den Zulassungsbedingungen bieten. Drittens wäre eine stärkere Förderung von Bildungsgängen an Berufs- und Fachschulen notwendig, um die Attraktivität dieser Wege zu erhöhen. Letztlich müsste das Bildungssystem insgesamt mehr Wert auf die Vielfalt der Bildungswege legen und die Vorteile einer Berufsausbildung besser sichtbar machen.
Ein konkretes Beispiel für eine erfolgreiche Integration von Schule und Beruf ist das Projekt “Duales Studium” in einigen Kantonen wie Zürich oder Genf. Hier werden Schüler:innen nach der Maturität direkt in eine Berufsausbildung integriert, die gleichzeitig mit einem Studium an einer Fachhochschule absolviert wird. Dies ermöglicht eine praxisnahe Ausbildung und gleichzeitig die Möglichkeit, ein Hochschulstudium zu verfolgen. Solche Modelle zeigen, dass eine Kombination aus Theorie und Praxis nicht nur die Berufsorientierung verbessert, sondern auch die Chancen auf eine erfolgreiche Laufbahn erhöht.
- Nur etwa 40 Prozent der Schüler:innen mit Maturität erhalten im Jahr 2022 einen Studienplatz an einer Universität oder Fachhochschule (Bundesamt für Statistik).
- Rund 20 Prozent der Jugendlichen leben in prekären Verhältnissen, was ihre Chancen auf ein Studium deutlich einschränkt (Schweizerisches Sozialforschungsinstitut).
- 60 Prozent aller 18-Jährden absolvieren eine Berufsausbildung, während nur ein Drittel eine Maturität macht (Bundesamt für Berufsbildung und Technologie).
- Die Attraktivität von Berufsausbildungen wird oft unterschätzt, obwohl sie eine gute Grundlage für weiterführende Studiengänge an Fachhochschulen bieten.
- Modelle wie das “Duale Studium” in einigen Kantonen zeigen, dass eine Kombination aus Berufsausbildung und Hochschulstudium die Chancen auf eine erfolgreiche Laufbahn deutlich erhöht.
Der Weg zu mehr Chancengleichheit im Schweizer Bildungssystem erfordert daher eine grundlegende Reform, die auf mehr Transparenz, Flexibilität und Wertschätzung für alle Bildungswege setzt. Es geht nicht darum, die Universität als einzigen Weg zu betonen, sondern die Vielfalt der Möglichkeiten zu fördern und sicherzustellen, dass jeder junge Mensch die Chance hat, seinen Traum zu verfolgen – ob nun in der Schule, im Beruf oder in der Hochschule.
